OUTDOOR-BOULDERN am Děčínský Sněžník

Bericht

(Artikel erschien in Berlin Alpin 02/2019)

Als begeisterter Boulderer und seit kurzem auch Trainer C Bouldern, wollte ich nicht mehr nur drinnen bouldern, sondern auch mal nach draussen an echten Felsen. Im Mai 2018 ergab sich für mich das erste Mal die Möglichkeit auf unserer ACB-Gemeinschaftsfahrt nach Jonsdorf erste Erfahrungen beim Draussen-Bouldern am Töpfer zu sammeln. Danach stand für mich fest, dass ich eine Gemeinschaftsfahrt zum Bouldern organisieren möchte.

Nur wohin sollte es gehen? Das Bouldergebiert am Töpfer ist schön, jedoch doch recht überschaubar. „Le Bleau" ist viel zu weit weg - Aber gibt es da nicht noch ein Sandsteingebiet in der Böhmischen Schweiz? Richtig: Děčínský Sněžník bzw. der Hohe Schneeberg. Diese wundervolle Sandsteinformation ist von vielerorts im Elbi zu sehen. Die markante schräge Platte mit dem einsamen Turm in der Mitte. Aktuell gibt es am, um und auf dem Schneeberg 11 Sektoren mit über 1700 definierten Problemen. Nebenan gibt es noch die kleineren Gebiete Modřín und Tisá mit insgesamt fast 700 Problemen. Seit 2014 gibt es einen sehr empfehlenswerten Boulderführer. Damit stand das Gebiet also fest.

Ich fragte in meiner Bouldergruppe und es fanden sich 7 InteressentInnen. Für das 3. Septemberwochenende 2018 organisierte ich eine Unterkunft in der Nähe und reservierte die ACB Crashpads. Am Freitag ging es dann los in Richtung Süden. Die Unterkunft war spartanischer als erwartet und auf Grund des wenigen Regens im Sommer gab es Probleme mit der Wasserversorgung. Ich hoffte, dass dieser Einstand nicht die ganze Fahrt überschatten sollte.

Das Wetter war grossartig angesagt. Mit 15 °C etwas kühl, aber mit Sonnenschein eigentlich optimale Bedingungen für Draussen-Aktivitäten. Als ersten Sektor wählten wir „Skalní město" in direkter Nachbarschaft zum weithin sichtbaren Aussichtsturm. Es gibt hier ca. 30 Probleme vom 3. bis 5. Grad und über 40 im Fb6. Für uns fortgeschrittene Kletterer aber Einsteiger im Draussen-Bouldern schien es genau richtig. 

Zur Erwärmung durften erst einmal die ersten Höhenmeter vom Parkplatz zur Anhöhe

überwunden werden. Mit den Crashpads als zusätzliches Gewicht dauerte es eine knappe halbe Stunde. Schon auf dem Weg dorthin kamen wir an Felsblöcken mit Tick-Marks vorbei. Wir konnten mit den Fingern nicht an uns halten und testen schon einmal, wie sich Sandstein-Boulderblöcke anfühlen.

Als wir dann am Ziel-Sektor ankamen, mischte sich bei mir die Vorfreude aufs Bouldern, mit dem Respekt vor der Höhe. Die Felsblöcke waren zumeist höher als die Wände in der Halle und die Crashpads viel kleiner und viel dünner. Ich war froh genügend mitgenommen zu haben.

Anfänglich hielten wir uns an die nicht ganz so hohen Boulder und leichten Schwierigkeiten. Beim Klettern der ersten Routen im 3.ten und 4.ten Grad waren wir noch stark auf Sicherheit bedacht. Es ging erstmal darum ein Gefühl für den Felsen zu bekommen. Wir wollten alle auf Nummer sicher gehen und uns nicht verletzen. Ein ungewollter Sturz war anfangs keine Option. Die ersten Aufstiege waren für mich dementsprechend wackelig und von Vorsicht geprägt. Welchen Griff kann man benutzen, wie ist dieser gut zu belasten, wo stelle ich die Füße am besten hin und wie komme ich über die runde Kante nach oben?

Beim Vorführen der entsprechenden unterschiedlichen Lösungen, wurden wir alle immer sicherer. Wir probierten die verschiedenen Versionen aus und selbst kleine Stürze konnten wir langsam in Kauf nehmen. Die Crashpads dämpfen den Fall erstaunlich gut. Ausserdem hatten wir uns mit Falltraining und Spotting-Workshops in der Halle recht gut auf das Draussen-Bouldern vorbereitet. So gingen wir bald zu den schwierigeren, aber noch nicht ganz so hohen Problemen über.

Schon der Sitzstart eines kurzen kleinen Daches („Fumar“) mit verdammt kleinen Leisten brachte die meisten von uns an ihre Grenzen. Einige schoben es auf ihre Größe andere auf ihre Kürze. Die üblichen Ausreden halt… Beim Schreiben dieser Zeilen fällt mir auf, dass in den Hallen immer weniger Sitzstarts gefordert werden. Meist wird nun im Stehen begonnen, während es hier draussen bei den meisten Problemen im Sitzen losgeht.

Nach dem Dach kamen dann schon kurze dynamische Züge zum Einsatz („Rozejezd“, „Nahoru“), welche meist in kleinen und kontrollierten Stürzen endeten. Wir vertrauten unseren Spottern und der Dämpfung der Matten immer mehr und konnten auch in interessante Boulder gehen. Wir achteten gemeinsam darauf, wie wir die Crashpads legen mussten, um mögliche Stürze abfangen zu können. Immer mehr bewegten wir uns so auf unsere Leistungsgrenze zu. Die abgerundeten Sloper am Ausstieg der Boulder verloren ihren Schrecken, wenn auch ein gesunder Respekt zumindest für mich ein ständiger Begleiter blieb.

Es fing nun an richtig Spass zu machen. Wir wagten uns allmählich auch an

die höheren Blöcke, wenn auch teilweise, weil die machbaren Probleme an den niedrigen Blöcken aufgebraucht waren. Ich fühlte mich langsam fast wie im Rausch. Ich war stolz auf die von mir bewältigten Probleme und den anderen ging es ähnlich. Es wurden sogar die ersten 6B Probleme geknackt („Aloe vera“). Einfach grossartig - Wir unterstützten uns nicht nur mit Spotten oder Matten-verschieben. Auch Ansporn und die Diskussion über die Lösungen von Problemen kam nicht zu kurz.

Mittlerweile füllte sich der Sektor auch mit anderen Boulderern. Neben tschechischen Familien gab es auch eine andere größere Truppe aus Berlin, die sich an „Jack Herer“(6C) versuchten und dies auch filmten. Der Boulder sieht sehr beeindruckend aus. Er startet an einer 3m hohen senkrechten Wand und geht dann über ein ca. 1,5 waagerechtes Dach wieder in eine 2m hohe senkrechte Wand über. Schon bei den Versuchen zuzuschauen war spannend. Wir haben uns dann aber doch nicht reingetraut, da er (noch) über unserem Niveau lag und schwer abzusichern/spotten ist (viele Matten, herzupendeln aus dem Dach).

Zur Mittagszeit ging es in das 50m (ja richtig gelesen) entfernte Gasthaus am Snezniker Aussichtsturm. Auf der Terrasse sitzend konnten wir uns über die grade gekletterten Boulder austauschen und böhmische Spezialitäten geniessen. Einziger Wermutstropfen - für Vegetarier bietet die böhmische Küche nicht sehr viel. Als Ausgleich gab es jedoch zum Nachtisch den besten Palatschinken, an den ich mich erinnern kann. Wohltemperierte Plinsen mit heissen Himbeeren und megaleckeres Vanilleeis. Eine wahre Geschmacksexplosion. Mag auch daran liegen, dass die Glücksgefühle durch das erfolgreiche Bouldern am echten Felsen schon auf hohem Niveau schwebten. Es gab dem Ganzen aber noch das Tüpfelchen auf dem „i“.

Insgesamt ist das Draussenbouldern am hohen Schneeberg ein einzigartiges Gesamterlebnis. Wir genossen es sehr unser Indoor-Training auch mal an echtem Felsen auf die Probe zu stellen. Für mich persönlich ist besonders herausragend, dass Probleme, die scheinbar unlösbar wirken nach einigem Probieren doch machbar sind. Sei es, weil man merkt, dass der Griff doch mehr hergibt, als wonach er aussieht. Oder eine richtige Belastung doch wieder mehr Halt bringt als erwartet. Oder wenn man gemeinsam an Problemen rätselt - und Lösungen findet, die auch unterschiedlich sein können. Die Gemeinschaft am echten Felsen fühlte sich sowieso noch ein Tick intensiver an als in der Halle. Ausserdem fehlte der Nebelschleier des abendlichen Boulderns und ich konnte freie und frische Luft atmen. Auch das Wetter spielte mit. Es war zwar recht kühl, aber Sonne und Bewegung liessen uns auch gut schwitzen.

Am folgenden Tag wollten wir alle am liebsten wieder an den Bouldern des Schneebergs verbringen. Doch leider liess der Blick auf den Wetterradar am Morgen nichts gutes verheissen. Obwohl der Sandstein am Schneeberg recht fest ist, sollte man zum Schutz selbigen nicht an diesem bouldern. Ausserdem macht Bouldern im Regen keinen wirklichen Spass. So entschieden wir uns, einen Ausflug in die nahe gelegene Felsenstadt (Tisaer Wände) zu unternehmen und dort ein wenig zu wandern. Auf dem Nachhauseweg würden wir dann Station in der Dresdner Boulderhalle Mandala machen.

In Tisa ging es an den bizarren Sandsteinformationen vorbei, zu denen es Nummern und Namen gibt. Mit Kindern kenne ich das eher als ein Suchen nach Nummern, denn ein Geniessen der

Felsformationen. Da diesmal nur „grosse“ Kinder dabei waren, genossen wir die Aussichten und begutachteten die Kletterfelsen bzgl. ihrer klettertechnischen Machbarkeit. Ich kam dann schon ins Schwelgen und träumte von Aufstiegen auch mal mit Seil. Aber vorerst musste es beim Träumen bleiben.

Am Nachmittag zeigte sich dann, dass unsere Idee den verregneten Tag in der Mandala zu verbringen nicht originell war. Die gleichen Berliner Boulderer vom gestrigen Tag am Schneeberg, liefen uns auch hier wieder über den Weg. Auf der anderen Seite auch nicht erstaunlich. Die Mandala ist eine wundervoll angelegte Halle mit grossartigen Wandstrukturen und kniffligen Problemen. Das entschädigte uns etwas für den nun sturzflutartig herab prasselnden Regen.

Alles in allem war es eine gelungene erste Outdoor-Boulderfahrt. In diesem Jahr werde ich deswegen eine weitere dorthin organisieren. Diesmal am langen Wochenende zu Himmelfahrt. Die Zimmer (in einer anderen Unterkunft) sind schon gebucht.

 

Fotos: René Raufmann